Die Bevölkerung von `Ad
Bis hierhin haben wir gesehen, dass die Stadt
Ubar mit der im Quran erwähnten Stadt Iram identisch sein
kann. Nach dem Quran hatte die Stadtbevölkerung weder Wert
weder auf die warnenden Worte des Propheten noch auf die
Offenbarung gelegt und wurde deswegen vernichtet.
Die Identität des Volkes `Ad, das die Stadt Iram gründete,
sorgte für Debatten. In der Geschichtswissenschaft tritt
ein Volk mit einer solch fortgeschrittenen Kultur nämlich
nicht auf.
Doch das muss nicht unbedingt außergewöhnlich sein, denn
dieses Volk lebte in Süd-Arabien, weit weg von anderen Völkern,
die im mittleren Osten und in Mesopotamien angesiedelt waren
und pflegte nur begrenzte Beziehungen zu ihnen. Es ist daher
nicht befremdend, dass eine Zivilisation, über die man äußerst
wenig Informationen besaß, nicht dokumentarisch festgehalten
wurde. Man sollte aber nicht vergessen, dass im mittleren
Osten Geschichten über das Volk von `Ad mündlich überliefert
wurden.
Einer der wichtigsten Gründe warum in schriftlichen Quellen
das Volk von `Ad nicht erwähnt wird, dürfte die nur wenig
verbreitete schriftliche Kommunikation sein. Man darf annehmen,
dass das Volk von `Ad eine Zivilisation gegründet hat, die
in geschichtlichen Urkunden nicht registriert wurde. Falls
diese Zivilisation länger bestanden hätte, wüssten wir heute
mehr über sie.
Trotzdem es keine schriftlichen Quellen über die Ad gibt,
kann man doch wichtige Informationen über deren Nachkommen
finden und sich somit ein Bild von ihnen machen.
Hadramiten, die Nachkommen der `Ad
Als erster Ort sollten im Südjemen, wo man Ubar, das Atlantis
des Sandes fand, neue Forschungen betrieben werden, um die
Spuren der wahrscheinlichen Zivilisation, gegründet von
`Ad oder ihren Nachkommen aufzufinden. Im Südjemen haben
vier verschiedene Völker gelebt, die von den Griechen als
"glückliche Araber" bezeichnet wurden: Die Hadramiten,
Sabäer, Minäer und Qatabaeans. Diese vier Völker haben eine
Zeitlang in benachbarten Regionen geherrscht.
Heute behaupten viele Historiker, dass das Volk `Ad sich
gewandelt und danach wieder seinen Platz in der Geschichte
eingenommen hat. Dr. Mikail H. Rahman, Forscher an der Ohio
Universität, ist der Meinung, dass `Ad die Urahnen der Hadramiten,
einer von den im Südjemen siedelnden vier Völkern, seien.
Über die Hadramiten, eines der "glücklichen Araber"
Völker, die um das fünfte Jahrhundert vor Christus auftauchten,
ist man am wenigsten informiert. Dieses Volk herrschte eine
lange Zeit über das Gebiet des Südjemen. Nach einem lang
andauernden Niedergang nahm seine Herrschaft im Jahre 240
nach Christus ein Ende.
Ein Zeichen dafür, dass die Hadramiten
die Nachkommen der `Ad sind, ist in ihrem Namen versteckt.
Der römische Schriftsteller Plinius, der im dritten Jahrhundert
vor Christus gelebt hat, berichtet über das Volk "Adramitai"
–gemeint ist hier Hadramiten.23
Das Wort für "Adramitai" ist "Adram".
Das im Quran als "Ad-ý Irem" vorkommende Wort
dürfte mit der Zeit einen Wandel erlebt haben wodurch es
zu "Adram" wurde.
Auch Ptolemäus, der ägyptisch-griechische Geograph (150-160
n.Chr.) zeigt das südarabische Gebiet als Lebensraum der
Adramitai. Dieses Gebiet nannte man bis vor kurzem Hadramaut.
Schabwah, die Hauptstadt von Hadramaut, befand sich westlich
vom Hadramaut-Tal. Nach unzähligen Legenden befindet sich
das Grab des Propheten Hud, der dem Volk von `Ad entsandt
wurde, in Hadramaut.
Ein anderer Punkt, der die Annahme bestärkt, dass die Hadramiten
von dem Volke `Ad abstammen, ist ihr Reichtum. Die Griechen
bezeichneten die Hadramiten als das reichste Volk der Welt.
Geschichtliche Quellen berichten darüber, dass die Hadramiten
in der Züchtung des Weihrauchs (Frankincense), äußerst fortgeschritten
waren. Sie fanden neue Anwendungsgebiete für die Pflanze
und sorgten somit für großen Umsatz. Die Weihrauch-Produktion
der Hadramiten war wesentlich höher als die von heute.
In Sabwah, der Hauptstadt der Hadramiten, wurden bei Ausgrabungen
höchstinteressante Funde entdeckt. Bei den 1975 begonnenen
Grabungen hatten die Archäologen wegen dichter Sandhügel
große Schwierigkeiten, an die Ruinen der Stadt heranzukommen.
Die Ergebnisse der Ausgrabungen waren sensationell: Eine
der herrlichsten Stadtruinen wurde hier entdeckt. Die Zitadellenmauer,
die die ganze Stadt umfasste, war die stärkste, die man
bisher im Jemen entdeckte. Auch wenn das Schloss des Königsreichs
jetzt nur noch aus Ruinen besteht, erkennt man noch die
einstige Pracht.
Die Hadramiten haben anscheinend ihre Begabung für die
Architektur von ihren Vorfahren, dem Volk von `Ad geerbt.
Als der Prophet Hud das Volk von `Ad warnen wollte, sprach
er sie folgendermaßen an:
Baut ihr euch aus Frivolität auf jedem Hügel
ein Denkmal. Und errichtet Prachtbauten, als wolltet ihr
unsterblich werden? (Sure asch-Schu'ara': 128-129)
Eine weitere auffallende Eigenschaft bei
den Gebäuden in Sabwah sind die pompösen Säulen. In vielen
Städten des Jemens wurden die Säulen quadratisch, monolithisch
gebaut. Die Säulen, die in Sabwah entdeckt wurden, wiesen
mit den Säulen in den anderen Städten des Gebietes keine
Ähnlichkeit auf; sie waren rund und wurden kreisförmig aufgestellt.
Scheinbar hatten die Bewohner von Sabwah den architektonischen
Stil von ihren Ahnen, dem Volk `Ad, geerbt. Photius, ein
griechisch-byzantinischer Patriarch von Konstantinopel im
9.Jh. nach Christus, trieb anhand von altgriechischen Manuskripten,
die heutzutage nicht mehr existieren und besonders mit Hilfe
des Werkes "Über das Tote Meer" von Agatharachides
(132 n.Chr.), umfassende Forschungen über die Südaraber
und ihre kommerziellen Aktivitäten. Photius äußert in einer
seiner Schriften: "Es wird gesagt, dass sie (die
Südaraber) versilberte und vergoldete Säulen bauen. Die
Platzierung dieser Säulen ist sehenswert." 24
Auch wenn diese Aussage von Photius nicht direkt die Hadramiten
betrifft, zeigt sie, dass die Völker in dieser Region reich
waren und architektonisch sehr begabt. Der Römer Plinius
und der Grieche Strabo, Schriftsteller der klassischen Zeit,
schreiben über diese Städte, dass sie "beschmückt mit
auffallenden Tempeln und Schlössern sind".
Wenn wir davon ausgehen, dass die oben erwähnten Städte
den Nachkommen von `Ad gehörten, kann man besser verstehen,
warum der Quran (Sure al-Fadschr: 7) das Land vom Volk `Ad;
"Iram, die Stadt mit den Säulen" nennt.
Die Wasserquellen und Gärten vom Volk `Ad
Wer heute nach Arabien reist, wird reichlich Wüsten zu
sehen bekommen. Außer den Städten und Gebieten, die im nachhinein
bepflanzt wurden, ist es weit und breit mit Sand bedeckt.
Diese Wüsten befinden sich hier seit Jahrtausenden.
In einem der Quranverse, der über das Volk von `Ad erzählt,
wird eine wichtige Information gegeben. Hud, der sein Volk
warnt, macht es auf die Gärten und Wasserquellen, die zu
den Gaben Gottes zählen, aufmerksam:
So fürchtet Allah und gehorcht mir! Und fürchtet
Den, Der euch reichlich mit all dem versorgte, was euch
wohlbekannt ist. Euch reichlich versorgte mit Viehherden
und Kindern Und Gärten und Quellen. Seht, ich fürchte für
euch die Strafe eines gewaltigen Tages." (Sure asch-Schu'ara':
131-135)
Wie wir schon erwähnten, ist Ubar, das mit der Stadt Iram
identifiziert wird, oder einem Ort, an dem das Volk von
`Ad gelebt haben könnte, mit Wüste bedeckt. Warum wohl hat
Hud dann in seiner Warnung eine solche Aussage gemacht?
Die Antwort ist einfach: das Klima hat sich im Lauf der
Geschichte verändert. So erfahren wir, dass die heutigen
Wüsten einst fruchtbare und grüne Landflächen waren. Ein
großer Teil dieses Gebietes war vor einigen Jahrtausenden
mit grünen Flächen bedeckt und enthielt reichliche Wasserquellen,
wie sie auch im Quran Erwähnung finden. Das Volk zog großen
Nutzen aus diesen Gaben Gottes. Das harte Klima wurde durch
die Wälder milder und angenehmer. Wüsten gab es zwar damals
auch, aber nicht in so großem Umfang.
In Südarabien, im Siedlungsraum des Volkes `Ad, hat man
festgestellt, dass die Völker damals ein fortschrittliches
Bewässerungssystem anwendeten, mit dem sie ihre Felder bewässerten.
Das heißt, dass damals Menschen in diesen Gebieten, in denen
man heute nicht mehr leben kann, Landwirtschaft betrieben
haben.
Satellitenfotos von einem
Ort namens Ramlat as Sab'atayan zeigen, dass hier einst
große Bewässerungskanäle und Staudämme vorhanden waren,
die etwa 200.000 Bewohnern in diesem Lebensraum dienten.25
Brian Doe, einer der Archäologen, die die Forschungsarbeiten
durchführten, sagte: "Die Umgebung von Ma'rib war derart
fruchtbar, dass man einst in dem Gebiet zwischen Ma'rib
und Hadramut Landwirtschaft betrieben hat".26
Plinius schreibt über fruchtbare Felder, über riesige Wälder
und Berge in dieser Region, die mit Bäumen bestanden und
mit Nebel bedeckt ist. In manchen Inschriften der uralten
Tempel in der Nähe von Sabwah, der Hauptstadt der Hadramiten,
wird sogar erzählt, dass in dieser Gegend Jagd auf Tiere
gemacht wurde und dass diese geopfert wurden.
Mehrere Forschungen wurden in Bezug auf die Verwüstungszeit
einer Region gemacht. Eine dieser Forschungen wurde seitens
des Smithsonian Instituts in Pakistan betrieben. Man stellte
fest, dass eine vor langer Zeit fruchtbare Region sich in
einen Sandhügel von 6 Metern Höhe verwandelt hatte. Die
Sandmasse häufte sich an und verschlang mit der Zeit riesige
Gebäude, als hätten sie nie existiert. Ruinen, die in den
fünfziger Jahren in der Region Timna im Jemen ausgegraben
wurden, sind heutzutage wieder mit Sand bedeckt. Die Pyramiden
in Ägypten waren einst total unter Sand begraben, bis sie
nach langen Ausgrabungen wieder ans Tageslicht geholt wurden.
Fazit: Es ist möglich, dass eine Wüste in der Vergangenheit
anders ausgesehen hat als heute.
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ANMERKUNGEN
(23) Nigel Groom, Frankincense and Myrrh, Longman, 1981,
S. 81
(24)
Nigel Groom, Frankincense and Myrrh, Longman, 1981, S. 72
(25)
Joachim Chwaszcza, Yemen, 4Pa Press, 1992.
(26)
Joachim Chwaszcza, Yemen, 4Pa Press, 1992.
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